Buchreview 1
~ Martin Rütters erster Roman~
Hier mein Review zum ersten Roman des ‘Hundeprofis’ Martin Rütter. Habe mir das Buch vor ein paar Wochen kurz nach Erscheinen gekauft, weil ich zum einen den Rütter sehr sympathisch finde, zum anderen aber auch schon im Magazin DOGS einige Seiten probelesen konnte und für gut befand.
So nun aber mal los hier:
Titel: Wie immer Chefsache
Autor: Martin Rütter
Verlag: Tag&Nacht Verlag
Preis: 30,- CHF, TB
Äusserliches Review:
Was meine ich mit ‘äusserlich’? Damit meine ich die Gestaltung, das Cover, aber auch allfällige Fehler im Text.
Ganz ehrlich, die Bücher sehen nicht gut aus. Ich habe den ganzen Schwung neuer Bücher gesehen, weil ich gerade in einer Buchhandlung probegearbeitet habe. In der Druckerei haben die wohl die Seiten nicht richtig ‘abgeschnitten’ oder die Schneidmaschine war stumpf, die Bücher weisen erhebliche Mängel auf und ich habe mir zum glück ein relativ ‘schönes’ Exemplar krallen können. Eine Freundin von mir ist gelernte Druckerin, sie würde bei sowas an die Decke gehen.
Die Wahl des Covers finde ich völlig in Ordnung, gut gewählt.
Leider sind im Text selbst noch einige Fehler, die einem Lektor eigentlich sofort auffallen müssten.
Beispiele:
– Einmal fehlt nach einem Satz einfach der Punkt.
– Ein Charakter ‘Mina R.’ heisst ein einziges Mal plötzlich ‘Mina M.’, was ich als Tippfehler werte, aber es hätte bemerkt werden müssen.
Alles in allem wirkt es, als hätte das Buch ‘schnell, schnell’ auf den Markt gemusst und so konnte man es weder sorgfältig(er) prüfen, noch herstellen. Das ist schade und hilft weder dem Image des Buches, noch des Verlages, noch des Autors.
Stil Review:
Ein paar Sätze will ich auch noch in Sachen Stil verlieren. Martin Rütter schreibt, wie er spricht: Unterhaltsam, klug, stets mit einem Augenzwinkern und doch mit dem nötigen Ernst, um nicht primitiv zu wirken. Das ist eine sehr gute Eigenschaft. Die Sprache ist sehr bildhaft und lebendig und nur zu oft habe ich mir Szenen aus dem Buch wie in einem Film vorstellen können. Einen Film zum Buch würde ich übrigens durchaus begrüssen.
Grosses Aber.
Was ein guter Journalist und/oder Sachbuchschreiber ist, muss nicht zwingend ein ebenso guter Romanautor sein. Fiktion ist das Zauberwort, das der Hundeprofi leider in seinem Werk stark vermissen lässt.
Beispiel 1, Namen:
Hauptprotagonist = Mattes Reuter (muss ich das kommentieren?)
Hund des Hauptprotagonisten = Mina (und das auch?)
Tante Thea = Rütters Tante Thea
Pudel Arco = Pudel Arco
Freundin des Hauptprotagonisten Beatrice Wagner = Rütters Frau beginnt glaub ich auch mit B…
und so weiter…
Beispiel 2, Geschehnisse:
Soweit ich recherchiert habe, sind erschreckend viele Ereignisse, vor allem Erinnerungen aus Mattes Reuters Kindheit und Jugend, 1:1 aus Martin Rütters eigenem Leben kopiert. Die Fussballgeschichten, die Geschichten über Tante Thea und ihren aggressives Pudelmonster Arco et alter.
Kurz gefragt: Rütter, warum schreibst du nicht gleich deine Memoiren und ‘tarnst’ es als Roman?
Story Review:
Allergiker Info: Dieser Textabschnitt kann Spuren von Spoilern und anderen Nüssen enthalten.
Journalist Mattes Reuter (ich komme über diese Namensgebung einfach nicht hinweg…) wünscht sich nichts sehnlicher, als Chefredakteur bei der ZEIT zu werden. Er ist interessiert an Politik, Kultur und Sport. Geht regelmässig Joggen und zum Tennis und hat einen Retrievermischling namens Mina, der gerne Löcher buddelt aber sonst ganz okay ist. Zur Zeit lebt Mattes in der Einliegerwohnung seiner Schwester, weil ihn seine Exfreundin rausgeschmissen hat.
Er ist zwar ambitioniert, aber gleichzeitig ziemlich blauäugig und wartet lieber, bis ihm die Chancen vor die Füsse fallen, als dass er sie ergreift.
Eines Tages erhält er einen mysteriösen Anruf von der Redaktion eines schäbigen Hunde-Anzeigenmagazins namens ‘Hassos Herrchen – Finas Frauchen’. Dort wird er tatsächlich als Chefredakteur eingestellt, obwohl er von Hunden nicht allzu viel Fachahnung hat.
Als sich herausstellt, dass er gar nicht Chef sein soll, sondern einfach nur Lückenfüller ist und nichts tun soll, während die ansonsten vierköpfige Redaktion das Magazin ohne das Wissen des Verlags weiter laufen lässt, packt ihn der Ehrgeiz. Er zieht innerhalb eienes Monats ein Hochglanz Hundemagazin à la DOGS auf, tritt in Fernsehshows auf etc.
Auch etabliert er eine Fragerubrik ‘Ich hätt da mal ne Frage…’ wo er, getarnt unter dem Pseudonym Mina R., Fragen von Hundehaltern beantwortet.
HALT!
Hier ist mein grosser, grosser Knackpunkt an der Story und nein, ich heb mir den nicht bis zum Schluss auf.
Ein Journalist, der sich nicht – ich wiederhole, nicht – ernsthaft mit Themen Hundeerziehung oder -verhalten auseinandergesetzt hat, mutiert innerhalb eines – ich wiederhole, eines – Monats zum grossen Hundekenner. Halte ich absolut für nicht gut. Der Mann hat nie einen Kurs Besucht, der über die obligatorische Hundeschule hinausgeht und ich kann mich nicht erinnern, dass Mattes Reuter je ein Hundebuch gelesen hätte… aber selbst wenn! In einem Monat wird man kein Martin Rütter. Ausser man IST Martin Rütter, was Mattes Reuter wohl oder übel ist. Verwirrt? Ja, ich auch.
Um es zu vereinfachen. Martin Rütter hat seinem Hauptprotagonisten Fähigkeiten gegeben, die er selbst auch hat und Wissen, das er auch hat. Und das, obwohl der Charakter diese gar nicht haben dürfte laut dessen Vorgeschichte. Das ist einfach das Problem der Trennung von ICH versus CHARAKTER. Diese ist hier definitiv nicht passiert.
In einem Hundeforum habe ich vor Kurzem den Satz gelesen ‘Hundetrainer kann sich jeder nennen und jeder kann eine Hundeschule aufmachen’. Das scheint wohl traurigerweise zu stimmen. Denn wendet man das ‘Reuter-Prinzip’ an, dann könnte ich morgen auch Hundeprofi sein und hier im schönen Aargau meine eigene Hundeschule aufmachen, yaydihopsassa.
Es ist sehrwohl bekannt, dass Rütter selbst 17 Jahre im Beruf steht und auch eine anerkannte Ausbildung für den Bereich hat. Er schon. Ihm glaubt man, wenn er einem Tips gibt. Aber nicht einem Mattes Reuter.
Klar, Rütter wird wohl auch einen Teil des Frustes niedergeschrieben haben, den er wohl hat, wenn ihn immer und immer und immer wieder Leute mit Problemchen ihrer Hunde ansprechen. Aber zum Charakter Reuter passt es wegen dessen (fehlenden) Vorkenntnissenen schlichtweg nicht.
Man wird nicht in einem Monat Hundeprofi, punkt fertig aus.
Weiterer Kritikpunkt aus meiner Sicht ist die exzessive Verwendung des titelgebenden Satzes ‘Wie immer Chefsache.’. Rütter wollte es wohl zu einem sogenannten Catchphrase, also einem Fangsatz machen, der dem Buch und dem Protagonisten mehr Wiedererkennungswert verleiht. Wir kennen solche Catchphrases oft aus Serien, beispielsweise Die Simpsons (‘D’oh!’, ‘Ay Caramba!’) oder Der Rosarote Panther (‘Heute ist nicht alle Tage, ich komm wieder, keine Frage’). Fangsätze sind an sich eine tolle Sache, aber so wie Rütter den seinen platziert, beginnt er schon bald zu nerven und wirkt aufgesetzt.
Was mich als Leser auch etwas seltsam berührt hat, war die Klimaxähnliche entwicklung nur 20 Seiten vor Schluss: Mattes Reuter überarbeitet sich und landet im Krankenhaus, ganz am Schluss verlässt auch noch das Zugpferd der Redaktion – die herrische Frau Althoff – das Magazin. Alles schreit nach einer Fortsetzung. Wird es die je geben?
Wenn ja, dann bitte besser durchdacht und weiter weg von Rütter selbst.
Die Charaktere sind ansonsten nachvollziehbar und liebenswert, die Episoden spannend, witzig und fast ein wenig lehrreich und wenn man ganz genau hinliest, sieht man in die echten Gefühle eines Hundeprofis rein.
Fazit:
Ich empfehle, das Buch in zweiter Auflage zu kaufen, weil die erste ziemlich verpfuscht aussieht. Das Buch ist ein Spass für Rütter-Fans, die es mit Fiktions-Literatur-Regeln nicht so genau nehmen oder solche, die auf seichte, hundebezogene Unterhaltung stehen.
Das war’s
Die Pummelfee